Andalusien - Atelier Wellendorf 2022

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Andalusien

Auszug aus der Rede von Maren Wellendorf anlässlich der Ausstellungseröffnung
im Kunstverein Reinfeld (Hamburg) , März 2002
“ ... Ich habe in den letzten Jahren vorwiegend andalusische Landschaften gemalt, weil mich die Formen- und Farbenvielfalt, das Licht im Wechsel der Jahres- und Tageszeiten der unglaublich unterschiedlichen spanischen Landschaften nicht mehr losgelassen hat. Wenn ich nach einer Rundtour durch das andalusische Hinterland zurückkehre und dann im Bett liegend versuche, mir die Eindrücke zu vergegenwärtigen, bemerke ich oft mit Erschrecken, dass all das, was mich zum Staunen und Verweilen gebracht hatte, wieder verblasst ist.
Wenn ich anderen mit Worten schildern möchte, was mich so berührt hat, fehlen mir dafür die sprachlichen Mittel.
So versuchte ich zunächst, mit dem Fotoapparat meine Eindrücke festzuhalten, dadurch zu bewahren und sie auch anderen zeigen zu können.
Welche Enttäuschung, wenn ich in freudiger Erwartung die entwickelten Fotos abholte. Diese kleinen Fotos gaben doch nicht annähernd das wieder, was ich gesehen, und gefühlt hatte. Deshalb versuchte ich, mit einem etwas größeren Format als es ein Foto vermag, meine Erinnerung mit Öl- oder Acrylfarben festzuhalten.
Dabei versuche ich, z.B. die für Landschaft typischen Formen beizubehalten. Aber ich verändere die reale Landschaft auch, denn die Komposition eines gemalten Bildes unterliegt eigenen Gesetzen. So kann man ja nicht sagen, dass eine Landschaft schlecht komponiert ist, nur weil vielleicht hintereinander liegende Bergkämme sehr parallel verlaufen - bei einem Gemälde ist das anders.
Ich versuche auch, die für Landschaft typische Farbigkeit beizubehalten, aber auch da gilt, dass der Einsatz der Farbe eigenen Gesetzen unterliegt. Der so eindrucksvolle, fast dunkelblaue andalusische Himmel: so gemalt lässt er die Landschaft kalt und unwirklich erscheinen. Die kräftigen Grüntöne stören in der wirklichen Landschaft nicht, in einem gemalten Bild kann das sehr wohl passieren. Wenn ich abgeerntete Felder mit kräftigen Rot- und Gelbtönen male, wenn ich also Farben übersteigere, kann ich damit gleichzeitig Wärme oder Hitze spürbar machen.
Deshalb erschaffe ich mit meinen Bildern auch neue Landschaften aus einer zuerst nur mir gehörenden Lebens- und Seherfahrung.
Beim Komponieren und Malen erkenne ich für mich immer mehr, warum mich eine Landschaft so gefesselt hat. Ich erlange Klarheit über meine ambivalenten Gefühle. Da gibt es auf der einen Seite die Freude der Malerin an Formen und Farben, auf der anderen Seite aber auch das Erschrecken über Abgründe, über die lebensfeindliche Umgebung und das Erkennen der eigenen Bedeutungslosigkeit. Malen ist für immer auch Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis. Man erfahrt die Veränderung der eigenen Gefühlswelt, wenn man sieh fremden Umgebungen oder Situationen aussetzt.
Meine Bilder zeigen mehr, als sie darstellen: Als ich das erste Mal eine Prozession der Semana Santa erlebte, war ich etwas erschrocken über die Reaktionen, die in mir - man kann sagen körperlich spürbar - stattfanden. Als Atheistin war es für mich unerklärlich, warum mir kalte Schauer über den Rücken liefen, als ich die Büßer mit ihren Spitzhüten und den dumpfen Trommelschlag und Fanfaren - wie ein Schrei fast - erlebte. Es steckt in jedem etwas, was man spirituelles Empfinden nennen kann, jedenfalls sind solche Gefühle mit der Ratio allein nicht erklärbar, und sie werden im normalen Alltag nicht erfahren. Dieser Vorgang hat nichts mit bloßem Reiz oder Sentimentalität zu tun. Wenn ich also das Bild einer Prozession male, so möchte ich eine Komposition von Farben finden, die diese Ambivalenz der Gefühlswelt sichtbar macht: Für mich während des Schaffens, und wenn es gelingt, für andere während des Betrachtens der Bilder.
Diese Mischung von Angst und dem Wunsch, sich im Tiefsten kennen zu lernen, ist etwas, was mich auch bei der Landschaftsmalerei antreibt.
Das Bild einer Landschaft darf nicht glatt, ausgewogen, also reines Dekor sein, sondern ist ein Spiegel momentaner teilweise unbewusster Empfindungen. Wenn mich die Faltengebirge bei Almeria begeistern, kommt sehr schnell auch die Erkenntnis, dass diese Faltungen durch Erosion, durch Wind, Wetter und Abholzung entstanden sind. Selbst die verbliebenen urwüchsigen Formen sind durch die wirtschaftliche Entwicklung, den Bau neuer Autobahntrassen, bedroht.
Während ich in einem Moment mich von der Großartigkeit der Landschaft aufgehoben und getröstet fühle, beunruhigt mich wenig später, dass ich weiß, dass nichts unveränderlich bleibt - die Landschaft nicht und ich selbst auch nicht. Und doch wird diese grandiose Natur noch bestehen, wenn wir nicht mehr sind. Das finde ich sehr tröstlich, denn es hilft, die Bedeutungslosigkeit des Individuums zu akzeptieren.
Ich teile mich durch meine Bilder mit und hoffe natürlich, dass ein Betrachter aus meiner individuellen Sicht auch für sich einen Nutzen ziehen kann... “
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