Rockfaces - Atelier Wellendorf 2022

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Rockfaces

Die Bilder der Serie „Rockfaces“ unterscheiden sich von meinen früheren Arbeiten oder auch von Bildern anderer Künstler, die man normalerweise sieht.  Es sind Portraits von Steinen,  oder eher von Gesteins- und Felsschichtungen.  Portraits einer  Natur, die wie ein abstraktes Bild erscheinen.
 
Sie sind nicht mit dem Pinsel gemalt,  sondern mit Sand und Acryl gespachtelt.
Ich habe bislang in der Regel  expressiv gemalt, mit  Acryl oder Öl, und die Darstellung blieb gegenständlich. Landschaften, Architektonisches, Menschen  usw.  Aber gerade die Natur bietet viel mehr als ihre sichtbare Oberfläche. Und auch der Expressionismus hat sich immer weiter entwickelt, denken wir an die Spielarten des abstrakten Expressionismus, die „Dripping“ -Technik eines Jackson Pollock beispielsweise.
 
Ich habe also die Pinsel beiseite gelegt und den Spachtel genommen. Ich habe die gekauften Farben beiseite gelegt und Sand gesammelt -  und mich an einen Satz von Cezanne erinnert:  „Um eine Landschaft richtig zu malen, muss ich zuerst die geologische Schichtung erkennen“. Diese Schichtung tritt hier in meiner Umgebung  an etlichen Stellen offen zutage. Man muss nur die Augen aufmachen. Es ist alles da. Alle Linien, alle Formen, alle Farben. Sie zeichnen und lassen ahnen die ungeheuren Kräfte unter unseren Füßen, die unsere Landschaft formte und formt.

 
Sind meine Bilder abstrakt?
Nur zum Teil. Was fehlt, ist der spontane Impuls, durch den viele abstrakte Bilder entstehen. Die informelle Malerei, denken wir an Emil Schuhmacher oder eben Pollock, ist nicht mein Ding. Ich gehe sehr geplant vor, und versuche das, was ich sehe, so zu konstruieren und zu harmonisieren, das etwas Einmaliges entsteht, obwohl dessen  Vorgabe in der wirklichen Natur zu finden ist. Thema und Material sind dort vorhanden; ich gestalte es nur neu, um es zu bewahren, das Augenblickliche und das Grundsätzliche. Jeder Tag verändert , was ich gesehen und als ehern empfunden habe. Diese Stelle in den Bergen, diese einmalige Felsformation, diese Schichtung dort hinter der Kurve – schon nach einem Monat nicht mehr zu finden. Landschaft ist Bewegung - und man kann sie spüren in den erdigen Details dieser Landschaft.
 

Cezanne war stets darauf bedacht, auf seinen Bildern Konstruktionen und Harmonien parallel zur Natur zu finden.
Also: Nicht die Natur abbilden, sondern sie mit Farbe, Struktur und Duktus neu aber wesensgerecht komponieren.
 
Er ersetzt  in  seinen Bildern die optische Wirklichkeit durch eine formale Struktur,  durch eine reine Bildfläche. Er spielt dabei mit geometrischen Formen  und reduziert Gegenstände fast auf Grundformen wie Kreis, Kubus und  Zylinder. Die Räumlichkeit eines Bildes schafft er durch den Aufbau von farbigen Flächen und nicht durch eine Farbperspektive. Cezanne definiert Licht und Schatten, Volumen, Raumtiefe und Flächen durch Farbtöne, durch ihre Kontraste, durch Farbübergänge. Cezanne  entwickelt farbige Nuancen, die die Konturen der Dinge aufheben und sie fast verwischen.  In seiner Bildauffassung wird selbst ein Berg als eine Übereinanderschichtung von Formen, Räumen und Körpern aufgefasst, die sich über dem Boden erhebt. Und diese Räume und Körper werden zu farbigen Flächen.
Es ist ein Schaffensprozess, der die Natur neu realisiert.  Cezanne war sich bewusst, dass er durch das Malen das Naturbild  verändern muss, um es festhalten.  Die Natur ist immer dieselbe, aber von ihrer sichtbaren Erscheinung bleibt nichts bestehen. Unsere Kunst  muss ihr das Erhabene der Dauer geben.“  
Durch die Farben und ihre neuartige Komposition, ihre Struktur, will er  eine Bildordnung  schaffen, parallel zur Natur.  Cezanne will  die Natur nicht abbilden, wie sie in einem Augenblick ist, sondern er will sie als Wesensding erfassen. Und er will seine Empfindungen vor dieser Natur ausdrücken. Deshalb malt er sie.
 Das Medium, das zwischen den Dingen und seinen Empfindungen vermittelt,  ist  für ihn die Farbe, wobei  Cezanne offen lässt, wie weit sie den Dingen  entspringt oder aber eine Abstraktion seines Sehens ist.
 Konstruktion und Harmonie parallel zur Natur finden, das macht für ihn Landschaftsmalerei aus.
Gegenüber dem Sammler Karl Ernst Osthaus betonte  Cezanne am 13. April 1906 bei dessen Besuch in Aix:  Die Farbe müsse  jeden Sprung ins Tiefe ausdrücken. … „Die Natur ist nicht an der Oberfläche, sie ist in der Tiefe. Die Farben  sind der Ausdruck dieser Tiefe an der Oberfläche. Sie steigen aus den  Wurzeln der Welt auf.“
 
So gesehen habe ich zwar denselben Anlass und dasselbe emotionale Motiv wie Cezanne, mich bildnerisch mit der Natur zu beschäftigen – aber dafür vor allem die Farbe als Medium heranzuziehen, ist nicht mein Ansatz.
Die sich ändernde Morphologie einer Landschaft lese ich in ihren Details, in bröckelnden Steinen, in Rissen der Felsen, im Brechen der Wände, im Herausrieseln feinen Sandes aus einer Höhlung. Felsen und Erde in ihrer Veränderung zeigen das unaufhaltsame Fortschreiten der Zeit; das Vergehen und Entstehen – auch des  Lebens. Es ist ein langsamer Prozess – der aber, wenn man ihn regelmäßig beobachtet – immer schneller zu werden scheint.
Die Materie ist nicht organisch, Steine, Felsen eben, aber der Prozess ist sehr lebendig und dabei  dauerhaft und immerwährend. Und dieser Prozess gebärt sehr schöne und unendlich vielseitige Strukturen, die mich faszinieren, und deren Darstellung und Verarbeitung  mich reizen.    
 
Meine Bilder zeigen Linien, Formen und manchmal Körper in vorgefundenen aber auch komponierten Strukturen einer visuellen Realität. Deshalb nenne ich diesen Stil  „realistischer Strukturalismus“.
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